100 Jahre Wirtschaftsstandort Siemensstadt

Zurück in die Zukunft

(Berliner Wirtschaft 8/9 • August/September 1999)

 

Die Siemensstadt, einer der ältesten und bekanntesten Industriestandorte, entwickelt sich zunehmend zu einer Denkfabrik und einem Dienstleistungsstandort. Nach zum Teil schwierigen Jahren des Umbruchs haben sich die Chancen des Spandauer Stadtteils, auch im kommenden Jahrtausend einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Berlins zu sein, deutlich verbessert. »Die Siemensstadt ist wieder voll besetzt mit einer stark verjüngten Belegschaft«, betonte Erich Gerard, Chef des Berliner Büros der Unternehmensleitung, bei den Feierlichkeiten zum 100jährigen Jubiläum der traditionellen Industrieansiedlung, die 1914 nach dem Namen des heutigen Globalplayers benannt wurde.

Nach dem Umzug mehrerer Unternehmensteile aus anderen Berliner Standorten nach Siemensstadt, dem Aufbau neuer Entwicklungsaktivitäten und der Ansiedlung anderer Firmen durch die Initiative »Partner für Siemensstadt« sind auf dem riesigen Gelände derzeit fast alle Büro- und Produktionsräume belegt. Mit einem neuen Investitionsprogramm, so Gerard, wolle man jetzt wieder Platz im ehemaligen Meßgerätewerk für weitere Ansiedlungen schaffen. Dabei wendet man sich besonders an junge Existenzgründer.

Stark verändert hat die politische und wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren Siemensstadt. Zwar ist Berlin weiterhin der größte Fertigungsstandort des Unternehmens, der Anteil der Produktion ist jedoch in den vergangenen Jahren von 80% auf heute 50% zurückgegangen. Dementsprechend stieg der Anteil von Entwicklung, Engineering und Vertrieb. Der Wandel zu einem Forschungs-, Entwicklungs- und Dienstleistungsstandort, so Gerard, werde sich weiter fortsetzen.

Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen lobte das Engagement des Unternehmens und den Willen zum Wandel Siemensstadts. Rund 1 Mrd. DM investiert nach seinen Angaben Siemens, um alten Hallen neues Leben einzuhauchen. Aus dem Denkmal werde eine Denkfabrik. In traditionsreichen Mauern würden Ideen und Produkte für das nächste Jahrhundert der Zukunft erdacht nach dem Motto »Zurück in die Zukunft«. Der Regierende Bürgermeister verwies in diesem Zusammenhang auf das erst im Juni eröffnete Zukunftslabor »Future Lab«, in dem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie neue Anwendungen für mobile Kommunikation gezeigt werden.

Trotz des Wandels werden die Werke noch lange ein wesentliches Strukturelement des Standortes Siemensstadt bleiben, betonte Gerard. Um jedoch langfristig im internationalen Wettbewerb zu überleben, müßten sie immer schneller produktiver und innovativer werden. Das Werk für Kommunikationsnetze, das Übertragungssysteme für Datenautobahnen herstellt, sei ein herausragendes Beispiel für diese Entwicklung: In den letzten fünf Jahren habe es seine Produktivität um 80% gesteigert. Die Lieferzeiten seien von früher mehreren Monaten auf 15 Arbeitstage verkürzt worden. Ähnlich erfolgreich arbeite das Schaltwerk Hochspannung.


Standort mit Zukunft: In den historischen Industriebauten der Siemensstadt werden vielerorts neue, zukunftsträchtige Produkte entwickelt und gefertigt, sei es von Siemens oder neuen Firmen, die in einige Gebäude eingezogen sind.[Foto: Siemens]

Keine Gefahr für Arbeitsplätze sieht Gerard in der Ausgliederung des Gebietes Bauelemente, von dem in Berlin drei Werke betroffen sind. Vielmehr ergebe sich die Chance, in einer neuen Aufstellung langfristig am Markt zu bestehen. In diesem Zusammenhang erwähnte er den Verkauf des Kabelwerkes im benachbarten Stadtteil Gartenfeld und die Veräußerung des Meßtechnikgeschäftes, deren Belegschaft konstant geblieben bzw. gestiegen ist. Neben Ausgliederung und Veräußerung habe es in jüngster Zeit auch Zukäufe wie die Übernahme des fossilen Kraftwerkgeschäftes von Westinghouse gegeben, von dem das Berliner Gasturbinenwerk im Stadtteil Moabit profitiert.

Siemens investiert in Berlin jährlich 800 Mill. DM in die Zukunftssicherung, davon fast 500 Mill. DM in Forschung und Entwicklung. Heute arbeiten 2400 Mitarbeiter in der Entwicklung, das sind 15% der Belegschaft und damit 5% mehr als 1990. Im vergangenen Geschäftsjahr seien aus Berlin 40% mehr Patente und 70% mehr Erfindungen als noch vor vier Jahren gekommen.

Ein Motor für die Zukunft sind die Entwicklungsabteilungen des neuen Bereichs Information and Communication Networks (ICN). In diesem Bereich sind heute inzwischen in der Siemensstadt über 1000 Mitarbeiter in der Softwareentwicklung tätig, wobei seit Mitte der neunziger Jahre hier 700 neue Stellen entstanden sind, allein 300 in den letzten beiden Jahren. Weitere Softwarespezialisten werden gesucht, derzeit gibt es etwa 100 offene Stellen. Durch die Ansiedlung solcher neuer Entwicklungsabteilungen und durch den Ausbau bestehender Aktivitäten nimmt die Siemensstadt am boomenden Geschäft mit Datenautobahn, Internet und Mobilfunk teil. Besonders im Hinblick auf die Entwicklungstätigkeit des Unternehmens im wachsenden Mobilfunkgeschäft sind wichtige Entscheidungen zugunsten des Berliner Standorts getroffen worden. Ein großer Teil der Berliner Softwareaktivitäten entfällt jedoch auf die Entwicklung »intelligente« Netzdienste. In Siemensstadt werden aber nicht nur neue Software, sondern auch zukunftsträchtige Produkte entwickelt. Hierzu gehören »TransXpress Infinity, ein bisher weltweit einmaliges optisches Übertragungssystem der Kommunikationssparte. Aber auch das traditionsreiche Dynamowerk hat mit neuartigen Schiffsantrieben sowie magnetgelagerten Großantrieben wieder die Nase vorn.


Marktvorsprung durch Know-how: mit einem neuen optischen Übertragungssystem aus Siemensstadt, das weltweit technisch Spitze ist, werden Staus auf der Datenautobahn vermieden.[Foto: Siemens]

Neben den Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sind es innovative Dienstleistungen, von denen sich die Berliner Siemens-Einheiten viel versprechen. Als ein Beispiel nannte Gerard den Unternehmensbereich Anlagenbau und technische Dienstleistungen, der von Berlin aus neuartige Systeme zur Wasseraufbereitung für Wasserwerke entwickelt und außerdem mit seinem Geschäftsgebiet Straßenverkehrstechnik am Aufbau eines Berliner Verkehrsmanagementsystems beteiligt ist.

Damit die Belegschaft auch in der Zukunft die Aufgaben erfolgreich anpacken kann, ist das Unternehmen innovativ im Bildungs- und Ausbildungssektor. So ermöglicht die neue Technikakademie des Unternehmens Abiturienten eine zugleich studiennahe und praxisorientierte Ausbildung. Außerdem kooperiert man mit der Technischen Universität Berlin im Center für Wandel und Wissensmanagement.

Auch optisch unterstreicht das Unternehmen die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Siemensstadt: Neue Lichtinstallationen in einigen der historischen Gebäude, die Siemens anläßlich des Jubiläums angebracht hat, sollen symbolisieren, daß hier nicht die Lichter ausgehen, sondern Siemensstadt eine leuchtende Zukunft bevorsteht. [Et]


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