Erlebe Gutes und rede darüber
Hostels sind in Berlin ein Erfolgsmodell – auch dank kostenloser Werbung in Web-Communities

Mitten in Friedrichshain-Kreuzberg liegt das Hostel-Schiff Eastern Comfort auf der Spree – eine gute Location für die Gäste. Foto: Eastern Comfort.
Der Mauerfall war der Startschuss. Seit den 90er Jahren hat sich Berlin zu einem der weltweiten Top-Standorte für Hostels entwickelt. Insbesondere im Ostteil der Stadt boomte schnell eine Hostel- Szene, die das große Interesse der Backpacker und jungen Reisenden auf das wiedervereinte Berlin bediente. Das Mittes Backpacker Hostel, jetzt Baxpax Mitte Hostel, an der Chausseestraße oder etwa das Circus Hostel, ursprünglich nahe der Friedrichstraße und jetzt am Rosenthaler Platz, sind seit den Anfängen dabei. Aber auch im Westen Berlins gibt es Mitstreiter der ersten Stunde, wie zum Beispiel das Jetpak City Hostel an der Pariser Straße. Dabei waren die Jungunternehmer zumeist selbst weit gereist und hatten das vor allem in den englischsprachigen Ländern verbreitete Backpacking erlebt. Die Idee, jungen Reisenden eine günstige Unterkunft mit hohem Kommunikationsfaktor und persönlicher Betreuung zu bieten, schien wie gemacht für Berlin, und der Erfolg gab ihnen recht. Seither sind Dutzende neue Hostels in der ganzen Stadt eröffnet worden. Immer wieder wurden ausgefallene Standorte gesucht: Das Jugendstil-Gebäude des Amstel House mitten in Moabit wurde bereits um 1914 als Ledigenheim für unverheiratete Arbeiter erbaut, das Ostel am Ostbahnhof residiert in einem Ost-Plattenbau, und auf der Spree ist das Hostel-Boot Eastern Comfort mitten im Szene-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verankert. Die meisten Häuser liegen dabei zentral und verkehrsgünstig, denn das Berliner Nachtleben ist für die Mehrheit der Hostel-Gäste ein Hauptgrund für die Reise. Doch auch das andere Modell funktioniert. Das Jetpak Eco Lodge am Grunewald ist oft das zweite Berlin-Quartier für diejenigen, die sich bei monatelangen Reisen von einer Stadt zur nächsten für einige Tage entspannen wollen.
15 000 Hostel-Betten in Berlin
Genaue Zahlen zu Hostels sind schwer zu ermitteln, da sie in den Statistiken mangels eigener Einstufung entweder als Hotel oder „sonstige Beherbergungsform“ geführt werden. Zu letzteren gehören aber auch Jugendherbergen, Schulungs- und Ferienheime sowie Ferienwohnungen. Die Branche wäre gerne genauer in den Statistiken erfasst, andererseits verbinden fast alle Hostels unterschiedlich stark verschiedene Elemente von Hostel und Hotel, so dass es schwer wäre, einen einheitlichen Nenner zu finden. Jörg Schöpfel, Chef vom East- Seven Hostel und Sprecher des Backpacker Network, geht davon aus, dass fast 15 Prozent der Berliner Bettenkapazitäten von Hostels angeboten werden: Das wären um die 15 000 Betten über ganz Berlin verteilt. Ein Faktor, den auch Burkhard Kieker, Chef der BTM, zu schätzen weiß: „Berliner Hostels bieten Top-Qualität für kleine Budgets. Nicht zu vergessen der Netzwerk-Charakter – hier begegnen sich junge Menschen aus der ganzen Welt, entdecken und erleben Berlin gemeinsam. Kein Wunder, dass im Hinblick auf dieses Angebot mehr als 30 Prozent unserer Besucher jünger als 29 Jahre alt sind.“
Die Bandbreite der Hostels ist immens. Das originäre Hostelgeschäft – der Verkauf von einzelnen Betten in Schlafräumen mit Gemeinschaftsbädern auf dem Flur – wird dabei immer mehr ergänzt um klassische Ein- oder Zwei-Zimmerangebote oder sogar vollausgestattete Appartements. Dies hängt ganz von der jeweiligen Zielgruppe ab. Während sich einige auf das Gruppen- und Schulklassengeschäft spezialisieren und dabei vom Hauptstadtfaktor Berlins profitieren, liebäugeln gerade die großen Anbieter wie A & O oder Meininger verstärkt mit Business-Gästen. Sie treten damit in Konkurrenz zum Budget-Segment der traditionellen Hotellerie und etablieren ihre Marke mit europaweiten Standorten.

Kunst am Bett: Mit Themen-Zimmern unterscheiden sich Hostels von herkömmlichen Hotels. Foto: baxpax.
Erlebnisraum für Netzwerker
Die dritte Gruppe stellen die zumeist inhabergeführten, standortbezogenen Hostels dar. Ihre Gäste sind Individualreisende, früher hauptsächlich aus Großbritannien und Übersee, heute Junggebliebene aus aller Welt. Diese möchten nicht als klassischer Tourist die Stadt erkunden und identifiziert werden, sondern mit möglichst vielen Insider-Informationen ausgestattet Berlin entdecken und erleben. Dazu kann auch gehören, dass man, wie ein typischer Berlin-Bewohner, einfach nur mit anderen Gästen im Hostel-Innenhof sitzt und grillt. Um diese Klientel zu erreichen, mussten die Hostels schon frühzeitig auf alternative Vertriebswege setzen. Den größten Stellenwert spielte dabei von Anfang an die Kundenzufriedenheit, denn Individualreisende, oft Alleinreisende, wollen eben nicht nur günstig übernachten, sondern – auf neudeutsch – vor allem netzwerken und mit neu gefundenen Freunden Gemeinsames erleben. Authentisches Reiseerlebnis ist der Trend, nicht nur bei den Hostelgästen. Diese soziale Kompetenz gegenüber dem Gast und dessen emotionale Verbundenheit mit dem eigenen Hostel erreicht man aber nur, wenn man genau weiß, was der Gast über einen sagt. Kein Wunder also, dass Hostels sich bereits sehr früh an direkte Gäste-Bewertung gewöhnt haben, sie teilweise sogar als alleinige Marketing-Plattform nutzten. Während sich die Backpacker der 90er Jahre noch am jeweiligen Reiseort durch Mund-zu-Mund-Propaganda über das nächste Reiseziel informierten, spielt die Musik heute im Internet. Hostels sind daher schon lange über eigene Portale wie www.hostelworld.com oder auch www.hostelbookers.com zu buchen, bei denen die Kundenbewertung eine herausragende Stellung einnimmt. Gleichzeitig werden die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 genutzt: aktiv über eigene Blogs, in denen auch schon mal der Inhaber persönlich auf Gästekritik antwortet, oder über Kommunikationswege wie Twitter. Auch die Gäste selbst sind in die Vermarktung eingebunden. Denn der moderne Backpacker lässt nicht wie in der Prä-Internet-Ära Familie und Freunde für Wochen oder Monate hinter sich. Er ist vielmehr über Laptop und Handy jederzeit mit seiner sozialen Welt vernetzt und nimmt seinen Lebensmittelpunkt für begrenzte Zeit einfach mit auf Reisen. Nicht das Ausreißen von seiner normalen Welt oder das Reiseziel stehen daher im Vordergrund, sondern die individuelle Reisegeschichte, an der jeder teilhaben soll, der möchte. Ausreichend Steckdosen für Ladegeräte, Adapter, WLANNetz oder ein attraktiver Internet-Platz gehören daher schon seit Jahren zum absoluten Muss in jedem Hostel. Denn diese sogenannten Flashpacker sind kostenlose Multiplikatoren, die nicht nur neue Kunden bei ihrer Rückkehr in der Heimat erreichen, sondern in Echtzeit mit der ganzen Welt kommunizieren.
Vermarktung über Internet-Portale
Robert Wissmath und Roland Schwecke von Dicon, Marketing- und Beratungsgesellschaft mit Schwerpunkt auf Hotellerie und Tourismus, sehen daher in diesen Internet-Communities ideale Strukturen für eine individualisierte Vermarktungsform: Neue Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ haben einen für alle Mitglieder geltenden und akzeptierten Bedeutungsrahmen und daher eine hohe Relevanz bei der persönlichen Meinungsbildung. Zu diesen Netzwerken gehören schnell weitere Backpacker, die man auf seinen vielen Stationen trifft und mit denen man sich noch während der Reise über die besten Tipps austausche. Ganz nach dem Motto: Erlebe Gutes und rede darüber.
Sonja Heimeier
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